Kultus, Opferfeier – Gemeinschaftsbildung – Soziale Dreigliederung


Die “Lebensgemeinschaft St. Luc * Freiheithof * Vaudésy” wurde gegründet in der Johannizeit 1978, zunächst als “Kollegium St. Luc” in Savigny, nahe Genfer See / Schweiz. Vorausgegangen war ein “Aufruf” im Nachrichtenblatt “Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht” der Wochenschrift “Das Goetheanum” am 12. März 1978. Als Wirkensbereich dazugekommen ist 1981 der “Freiheithof” als landwirtschaftliches Anwesen (nahe Bodensee auf deutscher Seite), und inzwischen weitere Initiativen in Dornach, Basel und in Freiburg im Breisgau.

 

Bei der Gründung haben wir Fragen bewegt hinsichtlich des Zusammenwirkens von Aristotelikern und Platonikern in ihrem “Drang zur Anthroposophie” und der “unverbrüchlichen Abmachung”, im Dienste Michaels zusammenzuwirken, wie es Rudolf Steiner in den Karma-Vorträgen 1924 wiederholt eindrücklich ausgesprochen hat. Ist dieser “Drang” zum Zusammenwirken erkennbar, gar fruchtbar geworden an der Jahrtausendwende?

Nach 28 Jahren ist es unser Anliegen, auf einen Aspekt dieses Gemeinschaftslebens und –wirkens zu schauen: die von uns seitdem täglich gehaltene Opferfeier.

Uns bewegt die Frage: gibt es in der Anthroposophischen Bewegung Menschen mit Bedürfnis der Religionsübung, des Kultus, insbesondere der Opferfeier? Wie ist das anzugehen, um dieses Geschehen zu stärken und diesen Impuls initiativ in eine Zukunft zu führen, in Verantwortung nicht nur für die individuelle und gemeinschaftliche Entfaltung, vielmehr auch für die Menschheits- und Erdenentwicklung?

 

 

Die Opferfeier

Die Opferfeier – „...als die opfernde Tat der Menschenseele“.

Die „Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit“ (Titel von Marie Steiner für einen Vortragszyklus von Rudolf Steiner über „Kultus“) empfangen wir durch den Kultus!

Dieser „Aufruf“ geht von Rudolf Steiner in der Michaelizeit 1922 an die in Dornach versammelten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, währendgleichzeitig die Gründung der „Christengemeinschaft“ im weißen Saal des Goetheanums geschieht.

An Michaeli selbst ist es der Vortrag unter dem später in GA 216 aufgenommenen Titel „Die Bedeutung des Kultus für die Zukunft der Erde“:

„Dieses Hineinbringen der Kraft des Mysteriums von Golgatha, das verstehen die Menschen eigentlich heute sehr wenig. ... durch die Kultushandlungen verkehrt man mit den geistig-elementarischen Mächten der Erde. Mit denjenigen Mächten der Erde verkehrt man, welche in die Zukunft hinweisen...

Es werden elementarische Geister, die in die Zukunft hinein sich vervollkommnen, in der Sphäre der Ritualhandlung gegenwärtig sein. – Wer das verfolgt, der kann auch verstehen, was man einstmals meinte, wenn man von dem „Wort“ sprach. ... im Worte lebte eben viel Spirituelles. Der Christus machte darauf aufmerksam, dass dasjenige, was der Mensch also im Worte leben läßt, eben in dem steckt, was sich mit der Ritualhandlung als eine Vervollkommnung elementarischer Geister ergibt, und er konnte sagen:“Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Und jetzt nehmen Sie den Ausgangspunkt des Johannes-Evangeliums: Im Urbeginne war der Logos, das Wort. – Stellen Sie sich vor, wie der Logos mit dem Christus eines ist; was sind dann Brot und Wein bei der Einsetzung des Abendmahles? Leib und Blut des Logos. Und wir haben hingeschaut, wie der Logos das Vergehende verläßt, das Werdende ergreift, die Zukunft vorbereiten will.“ (Rudolf Steiner GA 216, Seite 95,97,101f)

 

„Auch das Mysterium von Golgatha hat nur in einzelnen priesterlichen Naturen [siehe Hinweis weiter unten auf Bernhard von Clairvaux] die innerliche Lebendigkeit hervorrufen können, die etwa verknüpft ist mit dem Kultus der Kirchen, die nach dem Mysterium von Golgatha entstanden sind. Aber die Menschheit hat bis jetzt nicht die Möglichkeit errungen, in das Kultusartige das volle Lebendige hineinzubringen. Dazu ist eben ein anderes notwendig. (Rudolf Steiner, GA 216, Seite 107)

 

Im Schlußvortrag –„Die Notwendigkeit einer neuen Erschließung der geistigen Welt“ – heißt es

 

„Wie verbindet man dasjenige, was in der äußeren Welt vorhanden ist an Geschehnissen, in die der Mensch selbst eingreift und von denen die Kultushandlungen die vorzüglichsten sind, mit dem lebendigen Strom des spirituellen Lebens, des Lebens der spirituellen Wesenheiten? Man möchte sagen, beim europäischen Menschen fing es im 9., 10., 11. Jahrhundert an: so wie ihm die Realitäten des Kultus auf der einen Seite entfallen mußten, entfielen ihm die Realitäten des spirituellen Schauens auf der andern Seite. Während die Realitäten des Kultus in das Unbestimmte Asiens hinüber entschwanden und in der Eroberung ... den heiligen Ort zudeckten, an den für den Christen diese Kultushandlungen anknüpfen sollten, fielen durch die Entdeckung Amerikas – wenn ich mich bildlich ausdrücken darf – die esoterischen Geheimnisse der westlichen Strömungen in den Atlantischen Ozean hinein. Es entstand als eine Reaktion die Stimmung: Wie erfüllt man das, was doch da sein muß, die heiligen Weihehandlungen und ihr Zentrum, den Ort in Jerusalem, wie erfüllt man das mit spirituellem Leben?

Wer die Reden Bernhard von Clairvaux’ liest, kann heute noch fühlen, wie aus ihm heraus das inbrünstige Hängen an dem Kultus spricht, an dem äußerlich-sinnlichen, in welchem Esoterik lebt, und wie andererseits sein Herz durchglüht ist von dem, was einmal in jener esoterischen Stimmung des Westens gelebt hat. ... Heute ist die Zeit, wo man wieder woanders suchen muß den, der nicht mehr hier ist, wo man ihn suchen muß durch eine neue Erschließung der geistigen Welten.

Das ist es, was als Aufgabe vor dem Menschen der Gegenwart dasteht ... Möchte es doch innerhalb der einzelnen Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft versucht werden, sich des Ernstes des gegenwärtigen historischen Momentes bewußt zu werden und sich selber und die Verhältnisse zu fragen, ob es nicht möglich wäre, diese Anthroposophische Gesellschaft in einem gewissen Sinne wiederum zu galvanisieren, so dass sie aus einem gewissen schläfrigen Zustande herauskommen und erwachen würde zu einem wirklichen Leben. ...

Wenn es irgend geht, dann fragen Sie sich und fragen Sie andere, ob es nicht doch in der nächsten Zeit möglich ist, die alte Anthroposophische Gesellschaft wiederum etwas zu galvanisieren und ihr Leben zuzuführen von dem Leben ihrer Einzelseelen. Notwendig wäre es! Gekonnt werden, das ist auch eine Möglichkeit! Aber die Menschenseelen, die ihr Leben an der Einsicht in den wichtigen historischen Moment entzünden möchten, müssen sich auf unserem Grund und Boden finden. Tun Sie für die anthroposophische Bewegung, was für sie zu tun in der letzten Zeit doch mehr oder weniger von vielen vergessen worden ist.“ (Rudolf Steiner GA 216, Seite 137ff)

 

Tun Sie ... was für sie zu tun in der letzten Zeit ... vergessen worden ist“ - dieser Aufruf ist ein deutlicher Appell an die Mitglieder, vor der Weihnachtstagung, dass sie etwas tun! Der Vergesslichkeit in Gedanken, der inneren Opposition in Gefühlen, den unterlassenen Taten des Willens folgt in der Sylvesternacht 1922 die Brandkatastrophe des ersten Goetheanums; das „Haus des Wortes“, „Organ für die Sprache der Götter“, erbaut „in Liebe zur wahren Geistigkeit und damit auch in Liebe zu allen Menschen“ (Rudolf Steiner 17. Juni 1914, GA 286 Seite 72/74), der Bau wird ein Opfer der Flammen, anstelle “Und der Bau wird Mensch“ .

Jedenfalls sieht Rudolf Steiner selbst nach seiner Initiative der Weihnachtstagung 1923/24, durch die er selbst sich genötigt sah, die Geschicke der Gesellschaft leitend zu übernehmen durch seine beispielhafte „Opfertat“, erneut und wiederholt sich veranlasst, die Mitglieder eindringlich erweckend aufzurufen, selbst die Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in der Siebenten Klassenstunde im April 1924, „dass Lässigkeit ... ausziehe“ und „diesen dreifach dreifachen Ernst in den Tiefen Eurer Seelen aufzubringen ... um ein wahrer Mensch zu werden“.

Ist 1922 von niemandem die Frage gestellt worden, gerade auch die Frage nachKultus in der anthroposophischen Bewegung, wie das doch durch die Gleichzeitigkeit in der Michaelizeit 1922 von Gründung der Christengemeinschaft mit dem neuen Kultus der Menschenweihehandlung und durch diese Vorträge, in denen das Wesen des Kultischen ein zentrales Motiv bildet, zu denken gewesen wäre? Und was mag für die Beteiligten im Nachtodlichen und anderen Verstorbenen in der geistigen Welt aufgekeimt sein in ihrem „Drang“, am Jahrtausendende für das 21. Jahrhundert auf der Erde im Dienste Michaels zu wirken?

Die Frage stellt im Jahre 1922 wenige Wochen später ein junger Mensch an ganz anderer Stelle, ohne äußerlich erkennbaren Zusammenhang mit diesen Ereignissen in der Michaelizeit. Johanna Wohlrab, eine Schülerin der ersten Waldorfschule in Stuttgart, vermißte eine Sonntagshandlung für die Oberstufe. Sie war – 1902 geboren, in Dornach 1956 gestorben, Eurythmistin, Ehefrau des Architekten Albert von Baravalle - in einem Pfarrhaus in Rosenthal bei Königstein in Sachsen im Kreise von vier Geschwistern aufgewachsen. In Dresden absolvierte sie ein Lyzeum, hörte von der Freien Waldorfschule in Stuttgart und trat 1921 in die oberste Klasse ein und absolvierte die zehnte bis zwölfte Klasse. Sie besuchte den Religionsunterricht von Herbert Hahn.

In einer Besprechung der Lehrer mit Rudolf Steiner am 9. Dezember 1922 wurde die Frage der Schülerin vorgetragen: ob für die Schüler des freien christlichen Religionsunterrichtes der Oberstufe eine Sonntagshandlung eingerichtet werden könnte, die über die Jugendfeier hinaus weiterführe.

Rudolf Steiner, wird berichtet, habe diese Anfrage besonders nachdenklich aufgenommen und sie als von „weittragender Bedeutung“ bezeichnet. Eine Messe wolle er in die mit dem freien Religionsunterricht verbundenen Handlungen nicht hineinnehmen, aber „etwas Messe-Ähnliches“.

Rudolf Steiner übergab im März 1923 den Text der „Opferfeier“. Am Palmsonntag 1923 konnte die Opferfeier zum ersten Mal von Herbert Hahn, Maria Röschl-Lehrs und Karl Schubert gehalten werden.

In der Folge wurde im Lehrerkollegium das Bedürfnis ausgesprochen, die Opferfeier für die Lehrer allein zu wiederholen und Maria Röschl-Lehrs beauftragt, Rudolf Steiner darüber zu befragen.

 

Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als für Schüler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geöffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck überraschten, leicht mißbilligenden Erstaunens) und sagte: ‚Warum nicht? Diese Handlung kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen!’“ (Maria Lehrs-Röschl „Zur religiösen Erziehung“, Stuttgart 1985; auch in GA 269).

Und, als nach der Weihnachtstagung Fragen aufkommen zur Stellung der „Schule als eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhängige Institution“, sagt Rudolf Steiner: „Die Anthroposophische Gesellschaft gibt eigentlich den Religionsunterricht und den Kultus.“ (5.2.1924, GA 300c, Seite 119).

 

 

Geistige und rechtliche Verantwortung

 

Verantwortung tragen Vorstand und Hochschulkollegium am Goetheanum in Dornach, wahrgenommen durch die Allgemeine Anthroposophische Sektion, durch Christof Wiechert, Leiter der Pädagogischen Sektion, der auch die Beauftragung der Handlunghaltenden durch das Religionslehrer-Zertifikat bestätigt auf Antrag über das „Internationale Religionslehrer-Gremium“ der Schulen und Heime mit deren Vertretern in den Gremien.

Opferfeier–Texte sind seit 1997 öffentlich zugänglich durch Publikation im Rudolf Steiner Verlag Dornach innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe als GA 269 „Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes“ mit der Handschriften-Wiedergabe Rudolf Steiners.

Opferfeier gibt es in den Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen im Zusammenhang des Freien christlichen Religionsunterrichts, in den heilpädagogischen und Sozialtherapeutischen Tagesstätten, Heimen und Erwachseneneinrichtungen sowie in der Camphill-Bewegung. Inzwischen in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft als „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“ auf Tagungen einzelner Sektionen, zum Beispiel bei Religionslehrer-Tagungen (seit in Deutschland1976/77 damit begonnen wurde), Pädagogen-Tagungen, „erweiterten Mediziner-Tagungen“.

Der Text der Opferfeier steht als Brevier den Priestern der Christengemeinschaft zur Verfügung; gehört zwar nicht im engeren Sinne zu ihrer täglichen Verpflichtung, es ist dem Einzelnen überlassen auf welche Weise er sich mit diesem Inhalt in Verbindung setzt und damit im täglichen meditativen Bewußtsein verankert.

Von einzelnen Menschen ist bekannt, dass sie die Opferfeier halten und dafür werben, auch mit eigener Formgebung, auch von Hochschulmitgliedern auf von ihnen angebotenen und verantworteten Veranstaltungen.

Lange Zeit war das Thema Opferfeier mehr oder weniger „tabu“. Diese Auffassung vertrat noch in den Jahren 1973/74 der Vorsitzende der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Rudolf Grosse. Auch die Lehrerschaft mit dem Religionslehrergremium hat das als „für uns von Rudolf Steiner gegeben“ betrachtet und verlangt, unter ihre Bestimmung und Verantwortung zu stellen. Umstritten oder für Auslegungen offen blieb selbst die von Maria Röschl-Lehrs von Rudolf Steiner übermittelte Äusserung. Auch die Äusserung von René Maikowski zu Fragen eines „Kultus“ in Gesprächen mit Rudolf Steiner. Hinreichend bekannt sind die Fragestellungen und Stellungnahmen zu „Christengemeinschaft und die Anthroposophie“.

„Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, dass der Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird, nicht in eine bestimmte Religionsgemeinschaft. Die Christengemeinschaft aber stellt ihn in eine bestimmte Religionsgemeinschaft hinein.“ (Rudolf Steiner,GA300, BandIII, S. 178)

 

Wie sehr immer wieder das Bedürfnis nach Kultus in der Anthroposophischen Bewegung aufkeimt, diesbezügliche Fragen an Rudolf Steiner herangetragen -und unterlassen- und beides damals auch vereitelt wurde und bis heute Wirkungen zeigt und weiterhin Unterminierungen geschehen, belegt Hella Wiesberger in ihrer Einführung „Vom geisteswissenschaftlichen Sinn des Kultischen“(GA265).

„dass Rudolf Steiner im Jahre 1923, dem Jahr der Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, in Betracht zog, auch wieder eine anthroposophische Kultusform zu gestalten, ergibt sich aus zwei seiner Äußerungen im Frühjahr 1923. Die eine fiel bei der Schilderung des „umgekehrten“ Kultus als einer spezifisch anthroposophischen Form der Gemeinschaftsbildung. Da fügte er zu der Ausführung, dass viele Menschen zur Anthroposophischen Gesellschaft kommen und nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern eben aus dem Drang unseres Bewusstseinsseelenzeitalters heraus auch entsprechende Gemeinschaftsbildungen suchen, die Bemerkung hinzu: „Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könnte ja auch einen Kultus pflegen. Gewiß, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld“ (Dornach, 3. März 1923). [Am 13. März 1923 übergab Rudolf Steiner in Stuttgart den Text der Opferfeier]

Die andere Äußerung war die Antwort auf eine ihm in einem persönlichen Gespräch gestellte Frage nach einem Kultus für die anthroposophische Bewegung. Der Fragesteller, René Maikowski, hat dieses Gespräch wie folgt festgehalten und zur Wiedergabe zur Verfügung gestellt:

„Nach der Begründung und beim Aufbau der <Freien Gesellschaft>, die auf Anregung von Rudolf Steiner nach der Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 in Stuttgart entstanden war und zu deren Comité ich gehörte, war hier, wie auch andernorts in der Bewegung, vielfach über das Verhältnis unserer Arbeit zu derjenigen der Christengemeinschaft gesprochen worden, insbesondere nach Rudolf Steiners Vortrag vom 30. Dezember 1922. Es kam in unserem Mitarbeiterkreis zu einem Gespräch über unsere Aufgaben und unsere Arbeitsweise. Von einigen wurde festgestellt, dass die Christengemeinschaft es mit ihrer Arbeit leichter habe, da sie durch ihren Kultus eine tragende spirituelle Substanz habe und dadurch dem Bedürfnis nach unmittelbarem Zusammenhang mit dem Geistigen entgegenkommen könnte, mehr als durch die Vortragstätigkeit, auf die sich unsere Arbeit vor allem beschränkte. So tauchte bei einigen Freunden die Frage auf, ob es wohl denkbar wäre, dass für die Gesellschaft auch einmal ein Kultus gegeben werden könnte. Die Meinungen waren geteilt. Ich wandte mich darauf – es war im Frühjahr 1923 – mit dieser Frage an Dr. Steiner selbst, den ich wiederholt auf Reisen begleiten durfte. Zu meiner Überraschung ging er auf den Gedanken einer kultischen Arbeit für die Gesellschaft als durchaus positiv ein. Er erklärte, dass es ja vor dem Krieg auch ein Kultisches gegeben habe. In der Zukunft werde das aber eine andere Gestalt erhalten müssen. Es käme auch nicht die Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte darauf die andersartigen Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft. Beide Bewegungen stellten einen verschiedenen Weg dar und hätten zum Teil verschiedene Meister. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung müsse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermaßen eine Fortsetzung dessen werden, was in Form und Inhalt in der Opferfeier der Schule gegeben wurde.“ (GA 265, Seite 34/35).“

 

Eine „Fortsetzung“ deutete Rudolf Steiner an, und er werde darauf zurückkommen, nachdem er danach gefragt worden sei. Dazu ist es nicht gekommen. Es ist zwar Bereitschaft da, über die Opferfeier – eigentlich mehrheitlich „darüber“- zu sprechen als zu praktizieren, also das Bedürfnis weiterhin nach Vorträgen, Tagungen zu Fragen des „Kultischen“, auch im Hochschulbereich, ein Bücher-Angebot ist vorhanden, zum Beispiel im Flensburger Hefte Verlag 1990 erschienen, Wolfgang Gädeke „Anthroposophie und die Fortbildung der Religion“, und „Zehn Jahre real-existierendes freies Geistesleben“. Dort wird die Frage aufgeworfen:

“Es geht darum, ob die Christengemeinschaft innerhalb der gesamten anthroposophischen Bewegung die Religion, das religiöse Leben repräsentiert oder ob es innerhalb der gesamten anthroposophischen Bewegung –außer dem Schulkultus – Religion und religiöses Leben auf anderen Wegen als dem der Christengemeinschaft gibt oder geben könnte.“

Sergej O. Prokofieff behandelt in seinem Buch “Die Grundsteinmeditation – Ein Schlüssel zu den neuen christlichen Mysterien“ (Dornach 2003) im Anhang unter “Drei Arten der Kommunion und die Grundsteinmeditation“ das Thema „Opferfeier“:

„Dieses dritte Ritual steht genau in der Mitte zwischen dem sakramentalen Kultus [die Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft], bei dem sich durch die Vermittlung des geweihten Priesters die Verwandlung der irdischen Substanzen von Brot und Wein vollzieht, und der geistigen Kommunion [Begründung auf der Weihnachtstagung 1923/24 in den Neuen Mysterien], wo die Verbindung mit dem Leib des Auferstandenen und seinem verdichteten Ätherleib auf rein innerliche Weise auf dem Altar der Seele erlebt wird. Denn im Ritual der „Opferfeier“ geschieht die Kommunion an der geistigen Realität der Auferstehung mittels des Wortes.

Der Altar bei der „Opferfeier“, die Beteiligung der „Gemeinde“ und ein Handlunghaltender als Mittler zwischen ihr und der geistigen Welt verbindet dieses Ritual mit der sakramentalen Kommunion. Auf der anderen Seite kann man die „Opferfeier“, da in ihr keine irdischen Substanzen benutzt werden und eine „Priesterweihe“ für ihre Durchführung nicht notwendig ist, in der Nähe der geistigen Kommunion sehen. Die Verwendung mantrischer (ritueller) Texte bei allen drei Arten von Kommunion stellt jedoch ein sie alle verbindendes Element dar. Bei der sakramentalen Kommunion ruft das mantrische Wort in der „Menschenweihehandlung“ die Wandlung der irdischen Substanzen auf dem Altar hervor und begleitet sie; im Ritual der „Opferfeier“ wird das von der „Gemeinde“ gesprochene Wort zum Träger des Kommunionselementes; während bei der geistigen Kommunion die im Seeleninnern durchgeführte Meditation diese Aufgabe innehat.“

 

Für uns in der Lebensgemeinschaft sind die Geschehnisse in der Michaeli-Zeit im Jahre 1922 insofern von Bedeutung, z.B. auch die direkt daran anschließende Gründung des “esoterischen Jugendkreises” (Oktober 1922), weil uns die Frage bewegt nach anthroposophischer Gemeinschaftsbildung, auch, ob und wie die Geschehnisse im Zusammenhang erlebt werden mit dem Wiedererscheinen des Christus im Ätherischen.

Rudolf Steiner weist im Jahre 1919 auf den Zusammenhang zwischen dem Christus-Impuls und Gemeinschaftsbildung hin:

„Das ist doch eine wichtige Charaktereigenschaft des geistigen Lebens, dass dieses geistige Leben aus der vollen Freiheit erquillt, aus der individuellen Initiative des einzelnen Menschen, dass aber dieses irdische Geistesleben den Menschen zusammenführt mit anderen Menschen, Menschengruppen formt aus der Gesamtheit der Menschen heraus. Damit aber ist eines schon für den, der tieferes Verständnis sucht, gesagt, etwas gesagt, was jegliche Art solchen Zusammenlebens dem Zentralereignisse der ganzen Erdenentwicklung, dem Mysterium von Golgatha, nahebringt. Denn seitdem das Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung sich abgespielt hat, gehört alles dasjenige, was auf das Menschenzusammenleben sich bezieht, in einem gewissen Sinne zu diesem Christus-Impuls. Das ist das Wesentliche, dass der Christus-Impuls nicht dem einzelnen Menschen gehört, sondern dem menschlichen Zusammenleben. Es ist, im Sinne des Christus Jesus selber verstanden, ein großer Irrtum, wenn man glaubt, der einzelne Mensch könne eine unmittelbare Beziehung zu dem Christus haben. Das Wesentliche ist, dass der Christus gelebt hat, gestorben ist, auferstanden ist für die Menschheit, für dasjenige, was die Menschheit im Ganzen ist. Daher kommt seit dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis sofort in Betracht [...] wenn irgendeine Art menschlichen Zusammenlebens entfaltet wird. Es rückt also auch das irdische Geistesleben, das erquillt aus dem Individuellsten heraus, aus den menschlichen persönlichen Anlagen und Begabungen, an das Christus-Ereignis für den wirklich die Welt Verstehenden heran." (Rudolf Steiner, Zürich, 11. Februar 1919, GA 193).

 

Unsere Erfahrungen gründen sich auf Erlebnisse im Kultus der Opferfeier durch das tägliche Geschehen ohne Unterlass. Gleichzeitig und in Folge dieser Wirkung erfahren Teilnehmer unabhängig voneinander im Aufkeimen der Pflege des „Immerwährenden Herzensgebetes“ eine Erneuerung und Befruchtung dieses „Jesus-Gebetes“ durch Anthroposophie.

Rudolf Steiner soll den ersten Handlunghaltenden gesagt haben (freies Zitat nach Übermittlung durch Gotthard Starke, Heilpädagoge und Arzt, Lebensgemeinschaft Bingenheim, nach seinem Erleben der Opferfeier bei uns; verbürgt auch durch Herbert Hahn in GA 269, Seite 100): „Ich kann mir denken, dass sie empfinden werden wie die ersten Christen in den Katakomben“.

„Wir haben uns ja schon öfter im Geiste versetzt in die römischen Katakomben, wo abgeschlossen von dem damaligen Leben die ersten Christen feierten die Feier ihrer Herzen und die Feier ihrer Seelen. Wir haben uns im Geiste hineinversetzt in diese Andachtsstätten. (Rudolf Steiner GA117,S.189)

 

„Und wenn wir auch heute physisch nicht in Katakomben leben, geistig stehen wir ja doch in solchen Katakomben. ... Ich wollte damit ... andeuten, wie sich fühlen muß derjenige, der den innersten Impuls der Geisteswissenschaft versteht, zu dem, was da draußen ist. O diese ersten Christen, sie haben auf dasjenige gehört, was ihnen als Worte die Seele und das Herz durchtönt hat, was seinen Ausgangspunkt genommen hat von dem Mysterium von Golgatha, und sie verfielen nicht den Lockungen desjenigen, das sich über den Katakomben abspielte....

... wodurch empfinden wir eigentlich, dass irgendeine Imagination, eine Inspiration, eine Intuition etwas Objektives enthält? Dadurch empfinden wir es, dass, wenn wir diese Imagination, Inspiration, Intuition haben, wir innerlich erleben: sie stellen sich nicht dar als etwas, was aus UNS entsprungen ist, sondern sie stellen sich in den ganzen Kosmos hinein und stehen harmonisch in diesem Kosmos darinnen. ... Wodurch ist denn die christliche Kultur in ihrer ersten Form entstanden? Ich habe ja schon öfter darauf hingewiesen, dass alle solche Kulturimpulse auf ähnliche Weise entstanden sind; dadurch nämlich, dass die ersten Bekenner eines solchen Kulturimpulses, die ersten, die sich dazugerechnet haben, in ihrer Seele genügend stark waren, um diesen Impuls in ihrer Seele als allbeherrschend zu empfinden. Was wäre denn geworden aus dem Christentum, wenn die ersten Christen nicht allbeherrschend die christlichen Impulse in ihrer Seele getragen hätten? Wissen wir doch ...die christliche Kultur, die sich unten im Dunkeln in kleinen Konventikeln, in den Katakomben entwickelt hat ... heraufgestiegen ist, weltbeherrschend geworden ist. Das ist deshalb geschehen, weil es drunten in den Katakomben in die Herzen und Seelen gelegt worden ist.“ (Rudolf Steiner GA 287, S. 59/60)

 

In den Religionslehrer-Gremien der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen, heilpädagogischen Heimen und sozialtherapeutischen Einrichtungen wird die schwindende Teilnahme an den Schulhandlungen, besonders der Opferfeier beklagt und zugleich die “wachsende Unverbindlichkeit” für das Handeln selbst bekundet. Liegt das daran, dass kein „umfassendes Bedürfnis vorhandeln“ ist, oder daran, wie die Kollegiumsmitglieder untereinander „anerkannt werden, ohne dass eine innere Wimper zuckt“ , worauf Rudolf Steiner in einer Lehrerkonferenz schon hingewiesen hat auf den Wunsch, eine besondere Sonntagshandlung oder esoterische Stunden nur für die Lehrer zu haben?

„Da muß ein tief einheitlicher Wille vorhanden sein. ... Ein Kultus ist das Esoterischeste, was man sich denken kann. - ... Natürlich kann ein Ritual, wenn es einmal da ist, von einem Kollegium gepflegt werden. Dann müsste das Kollegium einig sein.“ (GA 300b, 16.11.1921).

 

 

Soziale Dreigliederung

 

Der Impuls zur Einigkeit lässt sich auf Dauer wohl nur aufrecht erhalten in der Verwirklichung einer Gemeinschaftsbildung, und diese auf der Grundlage der „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Hier stimmt für die Pflege des Kultusartigen und der Gemeinschaftsbildung, was Rudolf Steiner allgemein äußerte in der Vorrede und Einleitung zu „Die Kernpunkte der Sozialen Frage“: „... die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird.“ Und weiter im Absatz II. „Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten“:

„Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müssten Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer Neugestaltung suchen...“ (Stuttgart 1920, Seite 53).

 

Wie sehr in unserer Zeit Gemeinschaftsbildung, Kultus und praktische Dreigliederung zusammengehören und notwendigerweise zugrunde gelegt werden müssen zu ihrer Verwirklichung, wenn sie zu einer dauerhaften sozialen Praxis, wenigstens partiell gedeihen sollen, das hat Rudolf Steiner gleich zu Anfang den 18 Teilnehmern am ersten Theologenkurs verdeutlicht, an dem auch auf Wunsch Rudolf Steiners –mit Marie Steiner- fünf Religionslehrer der ersten Waldorfschule in Stuttgart teilnahmen.

„Sehen Sie, wir leben gerade in einem Zeitpunkt der weltgeschichtlichen Menschheitsentwicklung, wo dies das Charakteristische ist, dass sehr schnell die Zahl derjenigen Menschen zunimmt, die in einer geeigneten Form aufgeklärt sein wollen über dasjenige, was auch bei ihnen Kultus ist. ... Wir müssen die Möglichkeit einer Gemeinschaftsbildung haben, und zwar einer solchen, die nicht bloß auf äußere Einrichtungen, sondern auf das Seelisch-Innere gebaut ist, das heißt, wir müssen die Brücke schlagen können zwischen einem solchen Kultus, einem solchen Ritual, das vor dem modernen Bewußtsein bestehen kann...

Was Sie also in erster Linie werden suchen müssen, das ist schon die Gemeinschaftsbildung. Und da werden Sie nicht anders können, wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetränkten Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich wirklich bewusst zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben kann. ... Man soll sich Dreigliederung nicht so vorstellen, dass man ein Programm utopischer Art aufstellt und sagt, man soll die Dinge dreigliedern. Man gliedert sie in bester Art in diese drei Glieder, wenn man erfasst, dass in jeder Institution des Lebens die Dreigliederung implizit enthalten ist, und wie man die einzelnen Dinge so gestalten kann, dass die Dreigliederung zugrunde liegt. ... man muß verstehen, wie das Leben fordert, dass diese Dreigliederung kommt, das heißt, dass jedes der einzelnen Glieder des sozialen Organismus eine wirklich konkrete, daseiende Realität ist. ... Natürlich müssen Sie gewärtig sein, dass man Ihnen da den allergrößten Widerstand entgegenbringt.“ (Stuttgart 12./13. Juni 1921, GA 342)

 

 

Die Opferfeier in der Lebensgemeinschaft

 

Bei der Begründung der „Lebensgemeinschaft St. Luc * Freiheithof * Vaudesy“ in der Johannizeit 1978 fassten sieben Menschen den Entschluß, sich in besonderer Weise mit dem Kultus der Opferfeier und im Evangelienteil mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums zu verbinden. Gleichzeitig am Vorabend beim “Aufbau” (Raumgestaltung und Opfertisch) geschieht dies täglich bei uns verbunden mit dem Grundsteinspruch.

Von Beginn an ist mit dem Vorstand am Goetheanum (zunächst mit Jörgen Smit und danach mit Hagen Biesantz und Manfred Schmidt-Brabandt) in Dornach Übereinstimmung herbeigeführt und in Einklang gehandelt worden für die Initiative: Anfangsgründe und Weiterbestehen, Handhabung und Verantwortung. Inzwischen wird für neu hinzukommende Handlunghaltende in der Lebensgemeinschaft das Einvernehmen hierfür direkt hergestellt durch Bewußtseinsbildung mit dem Vorstand und Hochschulkollegium. Eine Beauftragung im Zusammenhang des Religionslehrer-Zertifikates nehmen wir nicht in Anspruch, weil wir keine Unterrichtsstunden erteilen, sondern Religionsausübung im Tageslauf der Lebensgemeinschaft angelegt ist, und wir nur den Kultus der Opferfeier pflegen.

Die Handlunghaltenden sind Kollegiumsmitglieder der Lebensgemeinschaft. Wer ein Kollegiumsmitglied ist, bestimmt sich aus der Form, wie sie im „Wer“ der „Sieben Leitgedanken zur Selbst- und Gemeinschaftsfindung“ beschrieben ist. Die Handlungshaltenden bilden als Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den esoterischen Kreis der Verantwortlichen für diesen Kultus. Alle Entscheidungen werden einmütig im „Konsens als Geschehen“, der Beschlußform im Kollegium der Lebensgemeinschaft, gefaßt. Wir sind als „Gruppe auf sachlichem Feld“ über das Arbeitszentrum Stuttgart der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen. In der Gemeinschaft sind zwei „Lektoren“ von der Goetheanum-Leitung beauftragt mit der Vermittlung und Pflege der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Seit Pfingsten 1979 –hundert Jahre nach Anbruch des Michael-Zeitalters- pflegen wir die Opferfeier täglich ohne Unterlaß, mehr als zwei mal zwölf Jahre in einem Kreis von mehr als zwei mal zwölf Menschen. Inzwischen pflegen wir täglich den Kultus in einem kleineren Kreis, dafür jedoch vermehrt zugleich auch an den anderen Orten der Gemeinschaft, manchmal an drei Orten gleichzeitig.

Die Opferfeier ist somit ein wesentlicher und nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Lebens. Zugleich ist sie mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums und anderen spirituellen Gemeinsamkeiten Teil der Religionsübung im Tageslauf der Lebensgemeinschaft. Dazu gehört insbesondere die Meditation von Rudolf Steiner als Zusammenfassung gegeben am 18. September 1924 in dem Abschlussvortrag des Kursus für Pastoralmedizin.

Aus der Erfahrung mit der Opferfeier im Zusammenhang der sozialen Gestaltung der Gemeinschaft sei ein Beispiel angeführt:

Wir kennen wohl alle im Leben, auch in unseren anthroposophischen Zweigen und Einrichtungen, die Situation, “wo zwei oder drei” sonst durchaus verträgliche Kollegen sich in einem bestimmten Punkt nicht einigen können; von der Idee nicht zur gemeinsamen Tat kommen, was leicht zum Nährboden für Unfrieden und Unverbindlichkeiten wird. In der Lebensgemeinschaft haben wir die Erfahrung: wenn diese zwei, drei dann beim “Aufbau” am Abend vorher für die Handlung bewußt und in Freiheit aufeinander zugehen, sich füreinander für diesen Dienst erwärmen und sich entschließen, am nächsten Morgen im Kultus gemeinsam am Opfertisch zu stehen, und diesen Einklang mit dem Grundsteinspruch bekräftigen, ist der Weg frei nicht nur für ihre persönliche Entwicklung und gemeinschaftliche Bereicherung, vielmehr offen für die Ziele, die uns Rudolf Steiner für die Michael-Epoche vorgezeichnet hat.

Im Kultus der Opferfeier gewinnt der Kommunionteil zudem eine ganz besondere Bedeutung. Zwei –individuell sonst auch alleine Übende- stehen sich gegenüber, beide sind zugleich auch in der Erfahrung als die Handlung selbst haltend, kennen somit auch die gemeinsame und jeweils andere Position. Wenn dann in der unmittelbaren Begegnung und Anschauung zu Berührung + Wort + Antwort hinzukommt, sich einstellt, aufleuchtend substantiell jenseits physischer Erscheinung ein Licht, sich erhellend als Lichtaura und/oder punktuell im Umfeld des Gesichtes, Ich sich im Ich und zugleich im andern Ich sich erkennend begegnet, und jeder gleichzeitig die Strahlung schaut, wird diese Erfahrung als „täglich Brot“ zur Quintessenz des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens.

„Ist es nicht auch möglich, Leib und Blut Christi zu empfangen ohne Brot und Wein, nur in der Meditation?“ Rudolf Steiner: „Das ist möglich. Vom Rücken der Zunge an ist es dasselbe.“ (Friedrich Rittelmeyer: „Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner“)

„Wird die Opferfeier ...gründlich meditiert ... so haben wir hernach bessere Mitarbeiter. ...Gern würde ich der Bewegung meine Kraft zur Verfügung stellen, weil ich ... auch an der Opferfeier persönlich so viel erlebte, dass ich es gern andern zugänglich machte.“ (Friedrich Rittelmeyer in einem Brief an Rudolf Steiner; Beiträge Nr. 110)

 

Es ist an der Zeit, dass in der Anthroposophischen Bewegung der Kultus der Opferfeier stärker ins Bewußtsein gehoben wird. Warum sollte diese Möglichkeit, „das Erleben von Christi Menschheitsopfer ... als die opfernde Tat der Menschenseele“ brach liegen? Stattdessen „was man von Gottes Wesen schon in sich hat, freiwillig Gott zum Opfer“ bringen. (aus der „Brevierartigen Meditation“ von Rudolf Steiner, Beiträge Nr. 110)

Die Ansichten und Diskussionen, ob es innerhalb der Anthroposophischen Bewegung “nur” einen Schulkultus, “auch” einen Berufskultus oder dergleichen sonst geben kann; ob es Religionsübung und religiöses Leben mit Kultus auf andern Wegen als dem der Christengemeinschaft geben kann oder gibt, geben „darf“ – diese Sichtweisen können als Anthroposophie für das praktische Leben, auch in anderen Gruppen und Zweigen fruchtbar werden, wenn das Eigenständige und Gemeinsame erkannt und anerkannt, zugleich gelebt und getan wird und sich die Beteiligten in wechselseitiger Einfühlung und Förderung begegnen. Somit ihr Tun über das individuelle und gemeinschaftliche Bedürfnis hinaus begreifen in Verantwortung für die Menschheits- und Erdenentwicklung in einem freien Geistesleben des 21. Jahrhunderts.

Ostern 2007