Dieser Textbeitrag erschien am 17. November 2006 in der Wochenschrift “Das Goetheanum” - Nachrichtenblatt - ‘Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht’


Kultus in der Anthroposophischen Bewegung

Gibt es in der Anthroposophischen Bewegung Menschen mit einer Gesprächsbereitschaft zu Fragen an einer erkenntnisgemäßen Besinnung und mit Bedürfnis der Religionsübung, des Kultus, insbesondere der Opferfeier? Wie ist das heute anzugehen, um dieses Geschehen zu stärken und diesen Impuls initiativ in eine Zukunft zu führen, in Verantwortung nicht nur für die individuelle und gemeinschaftliche Entfaltung, vielmehr auch für die Menschheits- und Erdenentwicklung?

Die ‹Lebensgemeinschaft St. Luc ‘Freiheithof’ Vaudésy› wurde gegründet in der Johannizeit 1978, zunächst als ‹Kollegium St. Luc› in Savigny, nahe dem Genfer See (CH). Vorausgegangen war ein Aufruf im Nachrichtenblatt ‹Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht› der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› am 12. März 1978. Als Wirkensbereich dazugekommen sind 1981 der ‹Freiheithof› als landwirtschaftliches Anwesen (nahe Bodensee auf deutscher Seite) und inzwischen weitere Initiativen in Dornach, Basel und in Freiburg im Breisgau.

 

Seinerzeit haben wir Fragen bewegt hinsichtlich des kommenden Zusammenwirkens von Aristotelikern und Platonikern in ihrem ‹Drang zur Anthroposophie› und der ‹unverbrüchlichen Abmachung›, im Dienste Michaels zusammenzuwirken, wie es Rudolf Steiner in den Karma-Vorträgen 1924 wiederholt eindrücklich ausgesprochen hat. Ist dieser ‹Drang› zum Zusammenwirken erkennbar, gar fruchtbar geworden? Heute – nach 28 Jahren - ist es unser Anliegen, auf einen Aspekt dieses Gemeinschaftslebens und -wirkens zu schauen: die von uns seitdem täglich gehaltene Opferfeier.

Die Opferfeier – als die opfernde Tat der Menschenseele

Die ‹Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit› (Titel von Marie Steiner für einen Vortragszyklus von Rudolf Steiner über ‹Kultus›) empfangen wir durch den Kultus! Dieser ‹Aufruf› geht von Rudolf Steiner in der Michaelizeit 1922 an die in Dornach versammelten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, während gleichzeitig die Gründung der Christengemeinschaft im weißen Saal des Goetheanum geschieht.An Michaeli selbst ist es der Vortrag unter dem später in GA 216 aufgenommenen Titel ‹Die Bedeutung des Kultus für die Zukunft der Erde.

 

«Dieses Hineinbringen der Kraft des Mysteriums von Golgatha, das verstehen die Menschen eigentlich heute sehr wenig. [...] Durch die Kultushandlungen verkehrt man mit den geistig-elementarischen Mächten der Erde. Mit denjenigen Mächten der Erde verkehrt man, welche in die Zukunft hinweisen.»

 

Ist 1922 von niemandem die Frage gestellt worden nach Kultus in der anthroposophischen Bewegung, wie das doch durch die Gleichzeitigkeit in der Michaelizeit 1922 von Gründung der Christengemeinschaft mit dem neuen Kultus der Menschenweihehandlung und durch diese Vorträge, in denen das Wesen des Kultischen ein zentrales Motiv bildet, zu denken gewesen wäre?

 

Die Frage stellt wenige Wochen später ein junger Mensch an ganz anderer Stelle, ohne äußerlich erkennbaren Zusammenhang mit diesen Ereignissen. Johanna Wohlrab, eine Schülerin der ersten Waldorfschule in Stuttgart, vermisste eine Sonntagshandlung für die Oberstufe. Rudolf Steiner, wird berichtet, habe diese Anfrage besonders nachdenklich aufgenommen und sie als von «weittragender Bedeutung» bezeichnet. Eine Messe wolle er in die mit dem freien Religionsunterricht verbundenen Handlungen nicht hineinnehmen, aber «etwas Messe-Ähnliches».

 

Rudolf Steiner übergab im März 1923 den Text der Opferfeier. Am Palmsonntag 1923 konnte die Opferfeier zum erstenmal von Herbert Hahn, Maria Röschl-Lehrs und Karl Schubert gehalten werden.

 

In der Folge wurde im Lehrerkollegium das Bedürfnis ausgesprochen, die Opferfeier für die Lehrer allein zu wiederholen und Maria Röschl-Lehrs beauftragt, Rudolf Steiner darüber zu befragen.

 

«Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als für Schüler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geöffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck überraschten, leicht mißbilligenden Erstaunens) und sagte: ‹Warum nicht? Diese Handlung kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen!›» (Maria Röschl-Lehrs: ‹Zur religiösen Erziehung›, Stuttgart 1985; auch in GA 269).

 

Und als nach der Weihnachtstagung Fragen aufkommen zur Stellung der Schule als eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhängige Institution sagte Steiner: «Die Anthroposophische Gesellschaft gibt eigentlich den Religionsunterricht und den Kultus» (5. Februar 1924, GA 300C, S. 119).

Geistige und rechtliche Verantwortung

Verantwortung tragen Vorstand und Hochschulkollegium am Goetheanum in Dornach, wahrgenommen durch die Allgemeine Anthroposophische Sektion, nach Heinz Zimmermann neuerdings vertreten durch Christof Wiechert, Leiter der Pädagogischen Sektion, der auch die Beauftragung der Handlunghaltenden durch das Religionslehrer-Zertifikat bestätigt auf Antrag über das ‹Internationale Religionslehrer-Gremium› der Schulen und Heime mit deren Vertretern in den Gremien.

 

Die Opferfeier-Texte sind seit 1997 öffentlich zugänglich durch Publikation im Rudolf-Steiner-Verlag Dornach innerhalb der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe als ‹Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes› mit der Handschriften-Wiedergabe Rudolf Steiners (GA 269).

 

Opferfeiern gibt es in den Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen im Zusammenhang mit dem Freien christlichen Religionsunterricht, in den heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Tagesstätten, Heimen und Erwachseneneinrichtungen sowie in der Camphill-Bewegung. Inzwischen auch auf Tagungen einzelner Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, zum Beispiel bei den Religionslehrer-Tagungen (seit in Deutschland 1976/77 damit begonnen wurde), Pädagogen-Tagungen, ‹erweiterten Mediziner-Tagungen›.

 

Opferfeier ist von Rudolf Steiner eingefügt im Brevier der Priester der Christengemeinschaft und damit im täglichen meditativen Bewußtsein verankert.

 

Von einzelnen Menschen ist bekannt, dass sie die Opferfeier halten, auch mit eigener Formgebung, auch von Hochschulmitgliedern auf von ihnen angebotenen und verantworteten Veranstaltungen, auch ohne Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu sein, also ohne Verständigung mit dem Goetheanum.

 

Lange Zeit war das Thema Opferfeier mehr oder weniger ‹tabu›; die Lehrerschaft mit dem Religionslehrergremium hat das als ‹für uns von Rudolf Steiner gegeben› betrachtet. Umstritten oder für Auslegungen offen blieb selbst die von Maria Röschl-Lehrs von Rudolf Steiner übermittelte Äußerung. Auch die Äußerung von René Maikowski zu Fragen eines ‹Kultus› in Gesprächen mit Rudolf Steiner.

 

«Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, dass der Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird, nicht in eine bestimmte Religionsgemeinschaft; die Christengemeinschaft aber stellt ihn in eine bestimmte Religionsgemeinschaft hinein [...] ohne Diskrepanz zwischen beiden» (GA 300, Band I, S.41).

 

Rudolf Steiner erklärte im Frühjahr 1923 René Maikowski, dass es ja vor dem Krieg auch ein Kultisches gegeben habe. In der Zukunft werde das aber eine andere Gestalt erhalten müssen. Es käme auch nicht die Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte darauf die andersartigen Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft. Beide Bewegungen stellten einen verschiedenen Weg dar und hätten zum Teil verschiedene Meister. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung müsse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermaßen eine Fortsetzung dessen werden, was in Form und Inhalt in der Opferfeier der Schule gegeben wurde. (GA 265, S. 35).

 

Eine ‹Fortsetzung› deutete Rudolf Steiner an, und er werde darauf zurückkommen, nachdem er danach gefragt worden sei. Dazu ist es nicht gekommen. Heute ist Bereitschaft da, über die Opferfeier zu sprechen. Es gibt Vorträge zu Fragen des Kultischen, Tagungen, auch im Hochschulbereich, und ein Bücher-Angebot ist vorhanden.

Die Lebensgemeinschaft

Bei der Begründung der ‹Lebensgemeinschaft St. Luc, Freiheithof, Vaudesy› in der Johannizeit 1978 fassten sieben Menschen den Entschluss, sich in besonderer Weise mit dem Kultus der Opferfeier und mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums zu verbinden.

 

Von Beginn an ist mit dem Vorstand am Goetheanum (zunächst mit Jörgen Smith und danach mit Manfred Schmidt-Brabandt) in Dornach Übereinstimmung herbeigeführt und in Einklang gehandelt worden für die Initiative: Anfangsgründe und Weiterbestehen, Handhabung und Verantwortung. Die Handlunghaltenden sind Kollegiumsmitglieder der Lebensgemeinschaft. Sie bilden als Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den esoterischen Kreis der Verantwortlichen für diesen Kultus. Wir sind als ‹Gruppe auf sachlichem Feld› über das Arbeitszentrum Stuttgart der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen.

 

Seit Pfingsten 1979 pflegen wir die Opferfeier täglich ohne Unterlass, mehr als zweimal zwölf Jahre in einem Kreis von mehr als zweimal zwölf Menschen. Wir knüpfen dabei zwar an den Ursprung in der Waldorfschulbewegung und in den Rudolf-Steiner-Schulen sowie den heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Einrichtungen an. So sind auch sehr eigene, seelenpflege-bedürftige Menschen, die als ‹Helfer der Gemeinschaft› mit uns verbunden sind, am Geschehen der Opferfeier beteiligt. Wir erleben indessen unseren Dienst, die Opferfeier als kultische Handlung täglich ins Geschehen zu bringen, ganz aus der Anthroposophie selbst getan.

 

Die Opferfeier ist mit dem Prolog und anderen spirituellen Gemeinsamkeiten Teil der Religionsübung im Tageslauf der Lebensgemeinschaft.

 

Im Kultus der Opferfeier gewinnt der Kommunionteil eine ganz besondere Bedeutung. Zwei – individuell sonst auch alleine Übende - stehen sich gegenüber, beide sind zugleich auch in der Erfahrung als die Handlung selbst haltend, kennen somit auch die gemeinsame und jeweils andere Position. Wenn dann zu Berührung - Wort - Antwort hinzukommt, sich einstellt, aufleuchtend Ich sich im Ich und zugleich im andern Ich sich erkennend begegnet, wird diese Erfahrung als ‹täglich Brot› zur Quintessenz des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens.

Wo sind interessierte Menschen?

Es ist an der Zeit, dass in der Anthroposophischen Bewegung der Kultus der Opferfeier stärker ins Bewußtsein gehoben wird. Warum sollte diese Möglichkeit, «das Erleben von Christi Menschheitsopfer [...] als die opfernde Tat der Menschenseele», brachliegen, «was man von Gottes Wesen schon in sich hat, freiwillig Gott zum Opfer» bringen (aus der ‹Brevierartigen Meditation› von Rudolf Steiner, Beiträge Nr. 110)?

 

Sind Menschen da, die diesen Kultus verstärkt auch an anderen Orten in der Welt täglich pflegen wollen? Oder sich doch wenigstens wechselseitig für ein tägliches Geschehen miteinander verständigen wollen und sich einsetzen, frei von Bevormundung und offen für etwaige vorzeigbare Resultate? Indessen ihr Tun über das individuelle und gemeinschaftliche Bedürfnis hinaus begreifen in Verantwortung für die Menschheits- und Erdenentwicklung in einem freien Geistesleben des 21. Jahrhunderts? | Bernhard Fischer / Susann Temperli

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