Kultus - Gemeinschaftsbildung - Soziale DreigliederungKultus, Opferfeier – Gemeinschaftsbildung –
Soziale Dreigliederung

Die “Lebensgemeinschaft St. Luc * Freiheithof * Vaudésy” wurde gegründet in der Johannizeit 1978, zunächst als “Kollegium St. Luc” in Savigny, nahe Genfer See / Schweiz. Vorausgegangen war ein “Aufruf” im Nachrichtenblatt “Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht” der Wochenschrift “Das Goetheanum” am 12. März 1978. Als Wirkensbereich dazugekommen ist 1981 der “Freiheithof” als landwirtschaftliches Anwesen (nahe Bodensee auf deutscher Seite), und inzwischen weitere Initiativen in Dornach, Basel und in Freiburg im Breisgau.

Bei der Gründung haben wir Fragen bewegt hinsichtlich des Zusammenwirkens von Aristotelikern und Platonikern in ihrem “Drang zur Anthroposophie” und der “unverbrüchlichen Abmachung”, im Dienste Michaels zusammenzuwirken, wie es Rudolf Steiner in den Karma-Vorträgen 1924 wiederholt eindrücklich ausgesprochen hat. Ist dieser “Drang” zum Zusammenwirken erkennbar, gar fruchtbar geworden an der Jahrtausendwende?

Nach 28 Jahren ist es unser Anliegen, auf einen Aspekt dieses Gemeinschaftslebens und –wirkens zu schauen: die von uns seitdem täglich gehaltene Opferfeier.

Uns bewegt die Frage: gibt es in der Anthroposophischen Bewegung Menschen mit Bedürfnis der Religionsübung, des Kultus, insbesondere der Opferfeier? Wie ist das anzugehen, um dieses Geschehen zu stärken und diesen Impuls initiativ in eine Zukunft zu führen, in Verantwortung nicht nur für die individuelle und gemeinschaftliche Entfaltung, vielmehr auch für die Menschheits- und Erdenentwicklung?

Die Opferfeier

Die Opferfeier – „...als die opfernde Tat der Menschenseele“.

Die „Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit“ (Titel von Marie Steiner für einen Vortragszyklus von Rudolf Steiner über „Kultus“) empfangen wir durch den Kultus!

Dieser „Aufruf“ geht von Rudolf Steiner in der Michaelizeit 1922 an die in Dornach versammelten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, während gleichzeitig die Gründung der „Christengemeinschaft“ im weißen Saal des Goetheanums geschieht.

An Michaeli selbst ist es der Vortrag unter dem später in GA 216 aufgenommenen Titel „Die Bedeutung des Kultus für die Zukunft der Erde“:

Im Schlußvortrag –„Die Notwendigkeit einer neuen Erschließung der geistigen Welt“ – heißt es

Tun Sie ... was für sie zu tun in der letzten Zeit ... vergessen worden ist“ - dieser Aufruf ist ein deutlicher Appell an die Mitglieder, vor der Weihnachtstagung, dass sie etwas tun! Der Vergesslichkeit in Gedanken, der inneren Opposition in Gefühlen, den unterlassenen Taten des Willens folgt in der Sylvesternacht 1922 die Brandkatastrophe des ersten Goetheanums; das „Haus des Wortes“, „Organ für die Sprache der Götter“, erbaut „in Liebe zur wahren Geistigkeit und damit auch in Liebe zu allen Menschen“ (Rudolf Steiner 17. Juni 1914, GA 286 Seite 72/74), der Bau wird ein Opfer der Flammen, anstelle “Und der Bau wird Mensch“ .

Jedenfalls sieht Rudolf Steiner selbst nach seiner Initiative der Weihnachtstagung 1923/24, durch die er selbst sich genötigt sah, die Geschicke der Gesellschaft leitend zu übernehmen durch seine beispielhafte „Opfertat“, erneut und wiederholt sich veranlasst, die Mitglieder eindringlich erweckend aufzurufen, selbst die Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in der Siebenten Klassenstunde im April 1924, „dass Lässigkeit ... ausziehe“ und „diesen dreifach dreifachen Ernst in den Tiefen Eurer Seelen aufzubringen ... um ein wahrer Mensch zu werden“.

Ist 1922 von niemandem die Frage gestellt worden, gerade auch die Frage nach Kultus in der anthroposophischen Bewegung, wie das doch durch die Gleichzeitigkeit in der Michaelizeit 1922 von Gründung der Christengemeinschaft mit dem neuen Kultus der Menschenweihehandlung und durch diese Vorträge, in denen das Wesen des Kultischen ein zentrales Motiv bildet, zu denken gewesen wäre? Und was mag für die Beteiligten im Nachtodlichen und anderen Verstorbenen in der geistigen Welt aufgekeimt sein in ihrem „Drang“, am Jahrtausendende für das 21. Jahrhundert auf der Erde im Dienste Michaels zu wirken?

Die Frage stellt im Jahre 1922 wenige Wochen später ein junger Mensch an ganz anderer Stelle, ohne äußerlich erkennbaren Zusammenhang mit diesen Ereignissen in der Michaelizeit. Johanna Wohlrab, eine Schülerin der ersten Waldorfschule in Stuttgart, vermißte eine Sonntagshandlung für die Oberstufe. Sie war – 1902 geboren, in Dornach 1956 gestorben, Eurythmistin, Ehefrau des Architekten Albert von Baravalle - in einem Pfarrhaus in Rosenthal bei Königstein in Sachsen im Kreise von vier Geschwistern aufgewachsen. In Dresden absolvierte sie ein Lyzeum, hörte von der Freien Waldorfschule in Stuttgart und trat 1921 in die oberste Klasse ein und absolvierte die zehnte bis zwölfte Klasse. Sie besuchte den Religionsunterricht von Herbert Hahn.

In einer Besprechung der Lehrer mit Rudolf Steiner am 9. Dezember 1922 wurde die Frage der Schülerin vorgetragen: ob für die Schüler des freien christlichen Religionsunterrichtes der Oberstufe eine Sonntagshandlung eingerichtet werden könnte, die über die Jugendfeier hinaus weiterführe.

Rudolf Steiner, wird berichtet, habe diese Anfrage besonders nachdenklich aufgenommen und sie als von „weittragender Bedeutung“ bezeichnet. Eine Messe wolle er in die mit dem freien Religionsunterricht verbundenen Handlungen nicht hineinnehmen, aber „etwas Messe-Ähnliches“.

Rudolf Steiner übergab im März 1923 den Text der „Opferfeier“. Am Palmsonntag 1923 konnte die Opferfeier zum ersten Mal von Herbert Hahn, Maria Röschl-Lehrs und Karl Schubert gehalten werden.

In der Folge wurde im Lehrerkollegium das Bedürfnis ausgesprochen, die Opferfeier für die Lehrer allein zu wiederholen und Maria Röschl-Lehrs beauftragt, Rudolf Steiner darüber zu befragen. „Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als für Schüler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geöffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck überraschten, leicht mißbilligenden Erstaunens) und sagte: ‚Warum nicht? Diese Handlung kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen!’“ (Maria Lehrs-Röschl „Zur religiösen Erziehung“, Stuttgart 1985; auch in GA 269).

Und, als nach der Weihnachtstagung Fragen aufkommen zur Stellung der „Schule als eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhängige Institution“, sagt Rudolf Steiner: „Die Anthroposophische Gesellschaft gibt eigentlich den Religionsunterricht und den Kultus.“ (5.2.1924, GA 300c, Seite 119).

Geistige und rechtliche Verantwortung

Verantwortung tragen Vorstand und Hochschulkollegium am Goetheanum in Dornach, wahrgenommen durch die Allgemeine Anthroposophische Sektion, durch Christof Wiechert, Leiter der Pädagogischen Sektion, der auch die Beauftragung der Handlunghaltenden durch das Religionslehrer-Zertifikat bestätigt auf Antrag über das „Internationale Religionslehrer-Gremium“ der Schulen und Heime mit deren Vertretern in den Gremien.

Opferfeier–Texte sind seit 1997 öffentlich zugänglich durch Publikation im Rudolf Steiner Verlag Dornach innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe als GA 269 „Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes“ mit der Handschriften-Wiedergabe Rudolf Steiners.

Opferfeier gibt es in den Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen im Zusammenhang des Freien christlichen Religionsunterrichts, in den heilpädagogischen und Sozialtherapeutischen Tagesstätten, Heimen und Erwachseneneinrichtungen sowie in der Camphill-Bewegung. Inzwischen in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft als „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“ auf Tagungen einzelner Sektionen, zum Beispiel bei Religionslehrer-Tagungen (seit in Deutschland1976/77 damit begonnen wurde), Pädagogen-Tagungen, „erweiterten Mediziner-Tagungen“.

Der Text der Opferfeier steht als Brevier den Priestern der Christengemeinschaft zur Verfügung; gehört zwar nicht im engeren Sinne zu ihrer täglichen Verpflichtung, es ist dem Einzelnen überlassen auf welche Weise er sich mit diesem Inhalt in Verbindung setzt und damit im täglichen meditativen Bewußtsein verankert.

Von einzelnen Menschen ist bekannt, dass sie die Opferfeier halten und dafür werben, auch mit eigener Formgebung, auch von Hochschulmitgliedern auf von ihnen angebotenen und verantworteten Veranstaltungen.

Lange Zeit war das Thema Opferfeier mehr oder weniger „tabu“. Diese Auffassung vertrat noch in den Jahren 1973/74 der Vorsitzende der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Rudolf Grosse. Auch die Lehrerschaft mit dem Religionslehrergremium hat das als „für uns von Rudolf Steiner gegeben“ betrachtet und verlangt, unter ihre Bestimmung und Verantwortung zu stellen. Umstritten oder für Auslegungen offen blieb selbst die von Maria Röschl-Lehrs von Rudolf Steiner übermittelte Äusserung. Auch die Äusserung von René Maikowski zu Fragen eines „Kultus“ in Gesprächen mit Rudolf Steiner. Hinreichend bekannt sind die Fragestellungen und Stellungnahmen zu „Christengemeinschaft und die Anthroposophie“.

Wie sehr immer wieder das Bedürfnis nach Kultus in der Anthroposophischen Bewegung aufkeimt, diesbezügliche Fragen an Rudolf Steiner herangetragen -und unterlassen- und beides damals auch vereitelt wurde und bis heute Wirkungen zeigt und weiterhin Unterminierungen geschehen, belegt Hella Wiesberger in ihrer Einführung „Vom geisteswissenschaftlichen Sinn des Kultischen“(GA265).

Eine „Fortsetzung“ deutete Rudolf Steiner an, und er werde darauf zurückkommen, nachdem er danach gefragt worden sei. Dazu ist es nicht gekommen. Es ist zwar Bereitschaft da, über die Opferfeier – eigentlich mehrheitlich „darüber“- zu sprechen als zu praktizieren, also das Bedürfnis weiterhin nach Vorträgen, Tagungen zu Fragen des „Kultischen“, auch im Hochschulbereich, ein Bücher-Angebot ist vorhanden, zum Beispiel im Flensburger Hefte Verlag 1990 erschienen, Wolfgang Gädeke „Anthroposophie und die Fortbildung der Religion“, und „Zehn Jahre real-existierendes freies Geistesleben“. Dort wird die Frage aufgeworfen:

Sergej O. Prokofieff behandelt in seinem Buch “Die Grundsteinmeditation – Ein Schlüssel zu den neuen christlichen Mysterien“ (Dornach 2003) im Anhang unter “Drei Arten der Kommunion und die Grundsteinmeditation“ das Thema „Opferfeier“:

Für uns in der Lebensgemeinschaft sind die Geschehnisse in der Michaeli-Zeit im Jahre 1922 insofern von Bedeutung, z.B. auch die direkt daran anschließende Gründung des “esoterischen Jugendkreises” (Oktober 1922), weil uns die Frage bewegt nach anthroposophischer Gemeinschaftsbildung, auch, ob und wie die Geschehnisse im Zusammenhang erlebt werden mit dem Wiedererscheinen des Christus im Ätherischen.

Rudolf Steiner weist im Jahre 1919 auf den Zusammenhang zwischen dem Christus-Impuls und Gemeinschaftsbildung hin:

Unsere Erfahrungen gründen sich auf Erlebnisse im Kultus der Opferfeier durch das tägliche Geschehen ohne Unterlass. Gleichzeitig und in Folge dieser Wirkung erfahren Teilnehmer unabhängig voneinander im Aufkeimen der Pflege des „Immerwährenden Herzensgebetes“ eine Erneuerung und Befruchtung dieses „Jesus-Gebetes“ durch Anthroposophie.

Rudolf Steiner soll den ersten Handlunghaltenden gesagt haben (freies Zitat nach Übermittlung durch Gotthard Starke, Heilpädagoge und Arzt, Lebensgemeinschaft Bingenheim, nach seinem Erleben der Opferfeier bei uns; verbürgt auch durch Herbert Hahn in GA 269, Seite 100): „Ich kann mir denken, dass sie empfinden werden wie die ersten Christen in den Katakomben“.

In den Religionslehrer-Gremien der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen, heilpädagogischen Heimen und sozialtherapeutischen Einrichtungen wird die schwindende Teilnahme an den Schulhandlungen, besonders der Opferfeier beklagt und zugleich die “wachsende Unverbindlichkeit” für das Handeln selbst bekundet. Liegt das daran, dass kein „umfassendes Bedürfnis vorhandeln“ ist, oder daran, wie die Kollegiumsmitglieder untereinander „anerkannt werden, ohne dass eine innere Wimper zuckt“ , worauf Rudolf Steiner in einer Lehrerkonferenz schon hingewiesen hat auf den Wunsch, eine besondere Sonntagshandlung oder esoterische Stunden nur für die Lehrer zu haben?

Soziale Dreigliederung

Der Impuls zur Einigkeit lässt sich auf Dauer wohl nur aufrecht erhalten in der Verwirklichung einer Gemeinschaftsbildung, und diese auf der Grundlage der „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Hier stimmt für die Pflege des Kultusartigen und der Gemeinschaftsbildung, was Rudolf Steiner allgemein äußerte in der Vorrede und Einleitung zu „Die Kernpunkte der Sozialen Frage“: „... die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird.“ Und weiter im Absatz II. „Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten“:

Wie sehr in unserer Zeit Gemeinschaftsbildung, Kultus und praktische Dreigliederung zusammengehören und notwendigerweise zugrunde gelegt werden müssen zu ihrer Verwirklichung, wenn sie zu einer dauerhaften sozialen Praxis, wenigstens partiell gedeihen sollen, das hat Rudolf Steiner gleich zu Anfang den 18 Teilnehmern am ersten Theologenkurs verdeutlicht, an dem auch auf Wunsch Rudolf Steiners –mit Marie Steiner- fünf Religionslehrer der ersten Waldorfschule in Stuttgart teilnahmen.

Die Opferfeier in der Lebensgemeinschaft

Bei der Begründung der „Lebensgemeinschaft St. Luc * Freiheithof * Vaudesy“ in der Johannizeit 1978 fassten sieben Menschen den Entschluß, sich in besonderer Weise mit dem Kultus der Opferfeier und im Evangelienteil mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums zu verbinden. Gleichzeitig am Vorabend beim “Aufbau” (Raumgestaltung und Opfertisch) geschieht dies täglich bei uns verbunden mit dem Grundsteinspruch.

Von Beginn an ist mit dem Vorstand am Goetheanum (zunächst mit Jörgen Smit und danach mit Hagen Biesantz und Manfred Schmidt-Brabandt) in Dornach Übereinstimmung herbeigeführt und in Einklang gehandelt worden für die Initiative: Anfangsgründe und Weiterbestehen, Handhabung und Verantwortung. Inzwischen wird für neu hinzukommende Handlunghaltende in der Lebensgemeinschaft das Einvernehmen hierfür direkt hergestellt durch Bewußtseinsbildung mit dem Vorstand und Hochschulkollegium. Eine Beauftragung im Zusammenhang des Religionslehrer-Zertifikates nehmen wir nicht in Anspruch, weil wir keine Unterrichtsstunden erteilen, sondern Religionsausübung im Tageslauf der Lebensgemeinschaft angelegt ist, und wir nur den Kultus der Opferfeier pflegen.

Die Handlunghaltenden sind Kollegiumsmitglieder der Lebensgemeinschaft. Wer ein Kollegiumsmitglied ist, bestimmt sich aus der Form, wie sie im „Wer“ der „Sieben Leitgedanken zur Selbst- und Gemeinschaftsfindung“ beschrieben ist. Die Handlungshaltenden bilden als Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den esoterischen Kreis der Verantwortlichen für diesen Kultus. Alle Entscheidungen werden einmütig im „Konsens als Geschehen“, der Beschlußform im Kollegium der Lebensgemeinschaft, gefaßt. Wir sind als „Gruppe auf sachlichem Feld“ über das Arbeitszentrum Stuttgart der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angeschlossen. In der Gemeinschaft sind zwei „Lektoren“ von der Goetheanum-Leitung beauftragt mit der Vermittlung und Pflege der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Seit Pfingsten 1979 –hundert Jahre nach Anbruch des Michael-Zeitalters- pflegen wir die Opferfeier täglich ohne Unterlaß, mehr als zwei mal zwölf Jahre in einem Kreis von mehr als zwei mal zwölf Menschen. Inzwischen pflegen wir täglich den Kultus in einem kleineren Kreis, dafür jedoch vermehrt zugleich auch an den anderen Orten der Gemeinschaft, manchmal an drei Orten gleichzeitig.

Die Opferfeier ist somit ein wesentlicher und nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Lebens. Zugleich ist sie mit dem Prolog des Johannes-Evangeliums und anderen spirituellen Gemeinsamkeiten Teil der Religionsübung im Tageslauf der Lebensgemeinschaft. Dazu gehört insbesondere die Meditation von Rudolf Steiner als Zusammenfassung gegeben am 18. September 1924 in dem Abschlussvortrag des Kursus für Pastoralmedizin.

Aus der Erfahrung mit der Opferfeier im Zusammenhang der sozialen Gestaltung der Gemeinschaft sei ein Beispiel angeführt:

Wir kennen wohl alle im Leben, auch in unseren anthroposophischen Zweigen und Einrichtungen, die Situation, “wo zwei oder drei” sonst durchaus verträgliche Kollegen sich in einem bestimmten Punkt nicht einigen können; von der Idee nicht zur gemeinsamen Tat kommen, was leicht zum Nährboden für Unfrieden und Unverbindlichkeiten wird. In der Lebensgemeinschaft haben wir die Erfahrung: wenn diese zwei, drei dann beim “Aufbau” am Abend vorher für die Handlung bewußt und in Freiheit aufeinander zugehen, sich füreinander für diesen Dienst erwärmen und sich entschließen, am nächsten Morgen im Kultus gemeinsam am Opfertisch zu stehen, und diesen Einklang mit dem Grundsteinspruch bekräftigen, ist der Weg frei nicht nur für ihre persönliche Entwicklung und gemeinschaftliche Bereicherung, vielmehr offen für die Ziele, die uns Rudolf Steiner für die Michael-Epoche vorgezeichnet hat.

Im Kultus der Opferfeier gewinnt der Kommunionteil zudem eine ganz besondere Bedeutung. Zwei –individuell sonst auch alleine Übende- stehen sich gegenüber, beide sind zugleich auch in der Erfahrung als die Handlung selbst haltend, kennen somit auch die gemeinsame und jeweils andere Position. Wenn dann in der unmittelbaren Begegnung und Anschauung zu Berührung + Wort + Antwort hinzukommt, sich einstellt, aufleuchtend substantiell jenseits physischer Erscheinung ein Licht, sich erhellend als Lichtaura und/oder punktuell im Umfeld des Gesichtes, Ich sich im Ich und zugleich im andern Ich sich erkennend begegnet, und jeder gleichzeitig die Strahlung schaut, wird diese Erfahrung als „täglich Brot“ zur Quintessenz des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens.

Es ist an der Zeit, dass in der Anthroposophischen Bewegung der Kultus der Opferfeier stärker ins Bewußtsein gehoben wird. Warum sollte diese Möglichkeit, „das Erleben von Christi Menschheitsopfer ... als die opfernde Tat der Menschenseele“ brach liegen? Stattdessen „was man von Gottes Wesen schon in sich hat, freiwillig Gott zum Opfer“ bringen. (aus der „Brevierartigen Meditation“ von Rudolf Steiner, Beiträge Nr. 110)

Die Ansichten und Diskussionen, ob es innerhalb der Anthroposophischen Bewegung “nur” einen Schulkultus, “auch” einen Berufskultus oder dergleichen sonst geben kann; ob es Religionsübung und religiöses Leben mit Kultus auf andern Wegen als dem der Christengemeinschaft geben kann oder gibt, geben „darf“ – diese Sichtweisen können als Anthroposophie für das praktische Leben, auch in anderen Gruppen und Zweigen fruchtbar werden, wenn das Eigenständige und Gemeinsame erkannt und anerkannt, zugleich gelebt und getan wird und sich die Beteiligten in wechselseitiger Einfühlung und Förderung begegnen. Somit ihr Tun über das individuelle und gemeinschaftliche Bedürfnis hinaus begreifen in Verantwortung für die Menschheits- und Erdenentwicklung in einem freien Geistesleben des 21. Jahrhunderts.

Ostern 2007

 

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